Interview mit Armin Strom
Interview mit Armin Strom, Vizepräsident diespitäler.be; Direktor Berner Reha Zentrum Heiligenschwendi
Auf dem Weg zur integrierten Versorgung
Mit einer Teilrevision des Krankenversicherungsgesetzes unter dem Titel „Managed Care“ will der Nationalrat, dass sich die Menschen in der Schweiz bei der Wahl einer Krankenversicherung künftig häufiger einem anerkannten Ärztenetz anschliessen als bisher. Von solchen Netzen oder Managed-Care-Modellen spricht man, wenn sich Leistungserbringer – etwa Hausärzte, Spezialärzte und Physiotherapeuten – zum Zweck der Koordination der medizinischen Versorgung zusammenschliessen. Durch eine bessere Koordination des gesamten Behandlungsverlaufs sollen überflüssige Konsultationen eines Spezialisten, Mehrfachdiagnosen usw. verhindert werden. Indem die beteiligten Leistungserbringer zusammen die Budgetverantwortung tragen müssen, soll zusätzlich Druck geschaffen werden, die Kosten im Griff zu halten.
Ist „Managed Care“ das Modell der Zukunft für die medizinische Versorgung? Wo liegen die Vorteile der integrierten Versorgung? Wo treten in der Umsetzung Schwierigkeiten auf? Und welche Bedeutung hat die integrierte Versorgung für das Netzwerk „diespitäler.be“?
Armin Strom, Vizepräsident diespitäler.be, äussert sich im Interview zu diesen Fragen.
Diespitäler.be: Wenn von „Managed Care“ gesprochen wird, geht es meistens um die Zusammenarbeit von Hausärzten, Spezialärzten und zum Beispiel Physiotherapeuten. Sind die Spitäler von der geplanten Teilrevision des Krankenversicherungsgesetzes nicht betroffen?
Armin Strom: Der Entwurf des Art. 41 c KVG definiert ein integriertes Versorgungsnetz als „eine Gruppe von Leistungserbringern, die sich zum Zweck einer Koordination der medizinischen Versorgung zusammenschliesst“. In einem integrierten Versorgungsnetz wird der Behandlungsprozess der versicherten Person über die ganze Behandlungskette hinweg gesteuert. Das Versorgungsnetz muss nach den Vorstellungen des Gesetzgebers alle Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung anbieten. Dazu gehören selbstverständlich auch die Leistungen der stationären Spitalversorgung und der Rehabilitation.
Welche Bedeutung spielt die integrierte Versorgung im Bereich der stationären medizinischen Versorgung bereits heute?
Die Bedeutung wächst, nicht zuletzt als Folge des Kostendrucks im Gesundheitswesen und der ständigen Herausforderung, die Qualität des Behandlungsprozesses zu steigern. Die zum Teil willkürlichen Schnittstellen in einer Behandlungskette sind für den Patienten sehr unangenehm. Doppelspurigkeiten wie zum Beispiel die zweimalige Durchführung der gleichen Untersuchung verteuern zudem die gesamte Behandlung unnötig. Ein verstärkter Anreiz über eine neue Gesetzesbestimmung kann die bessere Vernetzung beschleunigen. Allerdings stellt die neue Gesetzesbestimmung zu hohe Anforderungen an ein integriertes Versorgungsnetz, so dass sich die integrierte Versorgung nicht richtig wird entfalten können.
Was meinen Sie damit?
Umfassende Versorgungsnetze, die alle Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung anbieten, werden sich nicht so rasch bilden. Die integrierte Versorgung muss in kleinen Schritten aufgebaut werden, zum Beispiel mit Komplexpauschalen. Dabei vergütet eine Krankenkasse mit einer Pauschalvergütung mehrere Behandlungs-Schritte. Das zwingt verschiedene Leistungerbringer wie zum Beispiel ein Akutspital und eine Reha-Klinik eng zusammen zu arbeiten.
Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit bei einer Behandlung eine integrierte Versorgung zwischen Leistungserbringern überhaupt erfolgreich umgesetzt werden kann?
Es braucht in erster Linie gleichberechtigte Partner. So kann eine Pauschalvergütung gerecht aufgeteilt werden. Innerhalb einer Versorgungskette wird es zu „Verteilungskämpfen“ kommen. Hier müssen die verschiedenen Leistungserbringer auf Augenhöhe miteinander verhandeln und Lösungen finden können. Weiter braucht es auch eine Angleichung der Vergütungssysteme. Wenn die einzelnen Leistungserbringer nach völlig unterschiedlichen Tarifsystemen abrechnen, ist es schwieriger, eine finanzielle Einigung zu finden. Die neue Spitalfinanzierung mit leistungsbezogenen Fallpauschalen sollte daher in nächster Zeit auch auf den Reha-Bereich ausgedehnt werden.
Kann diespitäler.be eine Plattform für ein integriertes Versorgungsnetz sein?
Nein, das ist nicht der Zweck und die Aufgabe von diespitäler.be. Das Netzwerk der Spitäler im Kanton Bern fördert aber den Austausch unter den verschiedenen Spitälern und Kliniken. Daraus können integrierte Versorgungsnetze zwischen einzelnen Leistungserbringern wachsen. Die Vernetzung baut Vertrauen auf, was für das gute Gelingen integrierter Versorgung entscheidend ist.
